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Behandelt uns, wie ihr auch behandelt werden wollt.

Der 17. Mai ist der Internationale Tag gegen Homo-, Bi-, Inter- und Transphobie. Das haben wir als Anlass genommen, um mit zwei Mitarbeitenden aus dem Verbundwohnen für Trans*Menschen über ihre Arbeit, die Rolle von Pronomen und der sozialen und gesundheitlichen Versorgung von Trans*Menschen zu sprechen.

Hallo ihr zwei, wollt ihr euch kurz vorstellen? Wie heißt ihr und wie sind eure Pronomen?

Peer: Ich heiße Peer. Mein Pronomen ist meistens Er oder keins.

Ivonne: Ich bin Ivonne Ludwig und mein Pronomen ist Sie. also she/her

Hi, ich bin Anna und mein Pronomen ist Sie. Findet ihr die Fragen nach den Pronomen ist angemessen, wenn man Menschen neu kennenlernt? Oder vielleicht sogar angebracht?

Peer: Gute Frage. Ich finde es gut, wenn das mit den Pronomen geklärt ist, um Missverständnisse zu vermeiden. Ich würde mir wünschen, dass alle ihr Pronomen sagen und nicht nur diejenigen gefragt werden, bei denen von ausgegangen wird, dass sie vielleicht trans* sind.

Ivonne: Also ich persönlich bin ja Cis, das heißt meine Geschlechtsidentität deckt sich mit der mit dem Geschlecht, das mir bei der Geburt zugewiesen wurde. Entsprechend kann ich diese Frage nur von einer Außenperspektive beantworten.  Wenn ich mich vorstelle, habe ich total das Privileg, dass ich weiblich gelesen werde und das nicht in Frage gestellt wird. Ich sehe aber auch, dass es für Leute, die nicht sofort in unsere heteronormativen Vorstellungen passen und / oder falsch gelesen werden, schnell anstrengend wird. In neuen Gruppen sollten sich dann daher meiner Meinung nach einfach alle sofort mit ihrem Pronomen vorstellen und nicht nur eine einzelne Person. Mir reicht ja ein Name total aus. Ich muss Leute da keinem Geschlecht zuordnen. Natürlich ist es manchen Menschen aber sehr wichtig sich mit ihrem Pronomen vorzustellen. Erfahrungsgemäß stellen sie sich dann aber gleich mit sie*er*they oder Namen vor. Ich versuche vor allem auf das zu achten, was Menschen mir preisgeben, wenn sie sich vorstellen.

Was haltet ihr von einem neutralen Pronomen, wie es im Englischen das they/them gibt. Gibt es ein deutsches Äquivalent?

Ivonne: Also ich kenne als deutsches Äquivalent sier*siem. Ich kenne aber sehr viele, die they*them wirklich nutzen.  Das ist gefühlt das Gängigste und ich finde they*them auch total gut. Vor allem, da ich gelesen habe, dass es für viele Menschen mit Trans*Identität das am meisten gewünschte Pronomen ist und darauf höre ich dann gerne.  Auch privat nutze ich es viel im Freundeskreis.

Peer: Ich finde es immer gut, Sprache weiter zu entwickeln, auch wenn es anfangs vielleicht ein bisschen holprig wird beim Reden oder Schreiben. Schön finde ich auch, wenn versucht wird sich  genderneutral auszudrücken, wie zum Beispiel „die Mitarbeitenden“. Ansonsten ist er*sie oder they auch bei vielen die ich kenne beliebt.

Wo arbeitet ihr und was macht ihr da?

Ivonne: Wir arbeiten beide im Wohnverbund für Trans*Menschen bei der GEBEWO.  Ich bin dort Sozialarbeiterin. Wir haben dort Platz für 23 Menschen, die vor einigen psychosozialen Herausforderungen stehen und Support brauchen. Wir betreuen ambulant, das heißt die Leute wohnen in Trägerwohnungen, eigenen Wohnungen oder in Therapeutischen Wohngemeinschaften, die wir bei der GEBEWO haben. Die Spezialisierung dabei ist, dass die Leute die wir betreuen, alle eine Trans*Identität haben.

Peer: Ich bin gelernter Erzieher im Verbundwohnen. Ein Ziel unserer Arbeit ist Empowerment. Und wenn gewünscht, Unterstützung und Begleitung bei der Transition und Identitätsfindung.

Ivonne: Wir unterstützen bei allem was anfällt – Behördliches, Begleitungen, Wohnangelegenheiten und aber auch alles, wie bereits sagte, was mit der Transition zu tun hat.

Was genau meint eigentlich Trans*?

Peer: Trans* kann als Sammelbegriff für Menschen, die nicht in dem Geschlecht leben und definiert werden wollen oder können, welches ihnen bei Geburt zugewiesen wurde. Es gibt Non-binär, genderqueer Transident, Drag…..und vieles mehr.

Ivonne: Genau. Dazu kommen noch viele Selbstbeschreibungen, die ganz individuell sein können.

Ihr arbeitet in einer Einrichtung speziell für Menschen, die sich als Trans* bezeichnen. Warum braucht es solche speziellen Angebote?

Peer: Wir haben bestimmtes Fachwissen, bieten dadurch eine professionelle Begleitung und einen vorurteilsbewussten, akzeptierenden und empowernden Raum. Bei uns gibt es außerdem die Möglichkeit Gleichgesinnte zu treffen und sich nicht bzgl. Trans* erklären müssen.

Ein Klient , den ich das gestern fragte, sagte mir, für ihn ist es wichtig, weil er durch sein Trans*sein keinen Kontakt zu seiner Familie hat. Das geht vielen Klient*innen so. Durch die Transition würde er so etwas wie eine zweite Pubertät durchleben, was ja eine Zeit der Identitätsfindung ist. Und wir unterstützen bei  eben dieser Identitätsfindung.

Ivonne: Super inklusiv wäre es ja, wenn es keine speziellen Angebote geben müsste, sondern die ganze soziale Hilfelandschaft offen wäre. Denn Menschen mit Trans*Identität brauchen ja nicht automatisch ganz spezielle Hilfe, nur weil sie trans* sind.

Peer: Viele Trans*Menschen werden nicht in geschlechtsspezifischen Einrichtungen aufgenommen oder dort diskriminiert, weil sie nicht in das gesellschaftliche Mehrheitsbild  passen, wie ein Mann, Frau auszusehen hat. oder sich eben auch nicht zuordnen wollen oder können.

Ivonne: Ich finde auch, dass auch im Hilfesystem immer noch heteronormative und binäre Geschlechtersysteme vorherrschen und es zu Ausgrenzung und Diskriminierung kommt. Daher sind spezielle Angebote auch eine Art Schutzraum. Und total gut, um sich dort miteinander auszutauschen und zu stärken. Mit Menschen, die sich auskennen und ein Verständnis für das Erleben von Trans*Menschen haben. Deshalb sind spezielle Beratungsangebote so wichtig. Viele wissen gar nicht, wohin sie sich wenden können, welche Möglichkeiten und Schritte es in Richtung Transition gibt.

Da schließt sich meine Frage an: Gibt es  eurer Meinung nach genug Angebote? Wo können sich Trans*Menschen aktuell hinwenden, wenn sie Unterstützung benötigen?

Peer: Leider gibt es nicht genug Angebote, vor allem in kleineren Städten oder auf dem Land. Auch die Berliner Stellen, so wie bei uns, haben oft sehr lange Wartelisten.

in Berlin gibt es z.B. gladt e.v., Les Migras, MILES (schwerpunktmässig für BiPoC), dann die Schwulenberatung,  Queer Leben, Sonntagsclub, TRIQ, Seitenwechsel. Auch während Corona gibt es dort Onlineangebote.

Ivonne: Es könnte definitiv mehr sein. Gerade im Bereich Wohnen ist es sehr dürftig. In Berlin sind wir vergleichsweise noch gut aufgestellt, was aber nicht bedeutet, dass es ausreicht. Wir alleine haben über 40 Menschen auf der Warteliste. Wir nehmen ja überregional auf und bekommen auch andauernd von Ämtern und Privatpersonen Fragen zur Beratung, die wir gar nicht leisten können. Die von Peer genannten Projekte mache alle tolle Arbeit und wir sind mit denen auch vernetzt  und tauschen uns regelmäßig aus. Aber es gibt zum Beispiel die Internetseite transsektionalität.org , da ist für ganz Deutschland aufgelistet was es in den Bundesländern so gibt für Support, das ist echt dürftig.  An manchen Orten gibt es gerade mal eine Anlaufstelle.

Heute ist Internationaler Tag gegen Homo-, Bi-, Inter- und Transphobie. Diskriminierung und Ablehnung kann ja auf ganz verschiedenen Ebenen stattfinden. Wo werden Trans*Menschen eurer Meinung nach aktuell am stärksten ausgegrenzt oder angefeindet? Mit was für Vorurteilen und Gefahren haben sie im Alltag zu kämpfen?

Peer: Da gibt es einmal die zwischenmenschliche Ebene: die sprachliche Unsichtbarmachung, wenn falsche Pronomen oder Vornamen benutzt werden, bis hin zu psychischer und körperlicher Gewalt und Mord. Aber es gibt auch die gesamtgesellschaftliche Ebene, die strukturell und institutionell diskriminiert. Zum Beispiel wurde vor 30 Jahren Homosexualität , also am 17.5. 1990 von der WHO nicht mehr als Krankheit bezeichnet. Erst 30 Jahre später wird in der WHO darüber diskutiert, Trans* zu entpathologisieren, also nicht als krank einzustufen. Zwar gibt es seit 2018 eine Handlungsempfehlung für die Gesundheitsversorgung von Trans*Menschen, um Diskriminierung zu verringern, aber die ist rechtlich nicht bindend. Trans*Menschen müssen also sehr viel kämpfen für ihre Rechte und gegen Diskriminierung. Sowohl auf der Straße, in Schulen, auf Arbeit als auch in der Gesundheitsversorgung.

Ivonne: So wie ich es erlebe, haben Menschen mit Trans*Identität überall und stetig mit Diskriminierung zu kämpfen. Alleine aus meiner Sicht als Sozialarbeiterin kann ich da schon viel beobachten. Diese ganzen Ämtergänge und Anträge erlebe ich als total diskriminierend und oft willkürlich. Die Krankenkassen lehnen in 80% der Fälle geschlechtsangleichende Operationen usw. erst mal ab. Oft auch aus willkürlichen und nicht nachvollziehbaren Gründen. Ein Beispiel ist eine Nutzerin, die aufgrund einer früheren psychiatrischen Diagnose in ihrem ganzen Trans*Sein angezweifelt wurde. Oder einmal beim Sozialpsychiatrischen Dienst wurde einer Frau das Sie und der neue Name verweigert, weil die offizielle Personenstands- und Namensänderung noch nicht durch war. Das finde ich super problematisch. Ich kenne auch eine Person, die ihr Studium der Sozialen Arbeit abbrechen musste, weil sie nach ihrem Outing von allen gemieden wurde. Als „schwuler bester Freund“ war sie damals beliebt, als Frau dann nicht mehr…

Peer: Am schwierigsten ist meiner Einschätzung nach, die Situation für Trans*Menschen die in Sammelunterkünften Leben müssen, besonders jetzt zu Corona Zeiten.

Ivonne: Das viele Menschen Trans* als pathologische Krankheit wahrnehmen kommt daher, dass es so lange schon im ICD-10 zu finden ist. Die Leute sehen eine Krankheitsdiagnose, was absoluter Quatsch ist. Und ähnlich wie mit der Homosexualität, wird das noch lange in den Köpfen der heteronormativen Gesellschaft kreisen. Und wenn ich mir die Geschehnisse außerhalb von Deutschland angucke, wie dort Trans*Menschen diskriminiert werden, wird mir schlecht. In Polen zum Beispiel gibt es LGBTQ+ freie Zonen oder in Indonesien, wo sich Trans*Menschen nicht auf die Straße trauen können.

Wenn ihr an der Lebensrealität von Trans*Menschen einfach ändern könntet, was wäre das?

Ivonne: Wenn ich etwas ändern könnte, wurde ich den Zugang zur Transition erleichtern. Gesellschaftlich würde ich gerne die Sichtbarkeit erhöhen, zum Beispiel in den Medien. Warum kann nicht mal zum Beispiel eine Trans*Frau eine weibliche Hauptrolle spielen, wo es nicht primär um Trans*Themen geht. Genauso, wie in der Werbung – warum immer nur binäre Familien zeigen? Queere Themen in der Schule besprechen wäre gut, zum Beispiel in Politik und Sexualkunde. Oder genderneutrale Toiletten in der Öffentlichkeit. Das würde alles helfen.

Peer: Ich denke, ein selbstbestimmter und freier Zugang zu trans*spezifischer Gesundheitsleistung, auch unabhängig vom Aufenthaltsstatus, wäre sehr wichtig. Begutachtungen und sonstige fachliche Stellungnahmen sollten als Bedingung für OPs oder Hormongabe abgeschafft werden. Den Alltagstest abschaffen, keine Verpflichtung zu 18 Monaten Psychotherapie, um eine Op bewilligt zu bekommen. Von Ivonne an alle:  10:52 AM

Gibt es etwas, das ihr Menschen wissen lassen möchtet, die bisher kaum bis keine Berührungspunkte mit Trans*Menschen hatten oder Vorurteile haben?

Peer: Vielleicht bist du ja schon mal jemandem begegnet, der Trans* oder Nonbinär  war und du hast es gar nicht gemerkt?

Ivonne: Hmmm.  Also zunächst muss ich sagen, dass ich mittlerweile ganz schön sauer bin und Leuten am liebsten sagen würde, sie sollen ihre Privilegien checken. Aber das wäre nicht so konstruktiv (lacht).

Peer: Wir sind Menschen, wie alle anderen auch. Behandelt uns, wie ihr auch behandelt werden wollt. Respektiert meine Privatsphäre. Ich möchte z. B. nicht jeder/m erzählen, warum ich Hormone nehme oder nicht. Und wir machen alle Fehler. Lasst uns daraus lernen und die Gesellschaft zu einer freundlicheren machen.

Ivonne: Transition ist ein wichtiges Thema. Aber Menschen bestehen aus viel mehr, als das Trans*Sein. Das wird häufig vergessen. Ich finde es komisch, dass es zu Berührungsängsten kommt. Wir sollten dabei alle mal das Konzept von Geschlechterrollen überdenken und uns fragen, warum sie einen so bedeutenden Stellenwert einnehmen.

Gibt es zum Abschluss etwas, das ihr Trans*menschen mitteilen und auf den Weg geben möchtet?

Peer: Lasst uns untereinander vernetzen, um für unsere Rechte einzutreten und für die Rechte anderer, die diskriminiert werden. Lasst uns daran denken, dass du, wenn du z. B. weiß und Mittelschicht bist, auch Privilegien besitzt, die du nutzen kannst.

Ivonne: Ich würde allen sich Trans* zugehörig fühlenden Menschen gerne sagen: Steht für euch und eure Rechte ein. Wenn ihr alleine seid oder in toxischen Kreisen, sucht euch Support. Gebt nicht auf, auch wenn die Krankenkassen mal wieder eure Anträge ablehnen. Lasst euch nicht abwürgen!

Peer: Genau, holt euch Unterstützung, wenn ihr sie braucht!

Vielen Dank für das Gespräch, das ich gerne irgendwann weiterführen würde. Am liebsten direkt vor Ort bei euch im Verbundwohnen für Trans*Menschen.

Foto vom Flyer des Wohnberunds Trans*