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Digitales Zuhause – Warum wir Internet für alle brauchen

In Zeiten von Corona wird digitale Technik immer wichtiger. Was aber, wenn der Zugang dazu fehlt? Im Zuge der Corona-Pandemie wurde deutlich, dass der Umzug ins digitale Leben für viele wohnungslose Klient*innen im Betreuten Wohnen der Neue Chance  nicht so einfach ist. Während wir Freund*innen und Kolleg*innen in Videokonferenzen, Chatgruppen oder Sozialen Netzwerken treffen und uns umfassend informieren können, fehlt es ihnen an finanziellen Mitteln und häufig auch an Kenntnissen im Umgang mit digitaler Technik. Um das zu ändern, hat die Neue Chance kurzerhand das Projekt Digitales Zuhause ins Leben gerufen. Wir haben mit Kevin Schlosser, der bei dem Projekt mitwirkt, über die Bedeutung des Digitalen für die soziale Teilhabe gesprochen.

Hallo Kevin, möchtest du dich kurz vorstellen? Was machst du bei der Neue Chance?

Kevin: Hallo, ich heiße Kevin Schlosser und ich bin der wohl einzige Ingenieur in der Berliner Sozialwirtschaft (lacht). Für die Neue Chance bin ich für Projekte verantwortlich, untersuche Prozesse und arbeite mit an der IT-Unterstützung. Außerdem bin ich stellenweise für den Einkauf verantwortlich, weil man da, außer durch gute Marktrecherche, nicht optimieren kann. So kam ich auch zum Projekt Digitales Zuhause.

Erzähl uns von dem Projekt. Was habt ihr vor und was ist das Ziel?

Kevin: Das Zuhause digital zu machen ist für die meisten Menschen überflüssig. Es ist schon alles digital. In manchen Haushalten löst sogar der Kühlschrank schon selbstständig Online-Bestellungen aus. Aber nicht jedes Zuhause ist 2020 digital. Viele unserer Klient*innen zum Beispiel haben keinen Zugang zum Internet. Es fehlt das Handy, der Internetanschluss, der PC oder einfach Erfahrung mit den Geräten. Das wollen wir mit dem Projekt ändern. Ziel ist es, Klient*innen mit Geräten zu versorgen, ihnen zu helfen günstige Verträge abzuschließen und die Zeit und den Raum zu geben, um alle Fragen stellen zu können. Durch die Unterstützung unserer Sozialarbeiter*innen sollen sie die Möglichkeit bekommen, den Umgang mit digitalen Medien zu lernen. Dabei ist uns eine individuelle Schulung wichtig. Die Teilnehmenden können selbst entscheiden, was sie interessiert und was sie lernen wollen.
Das Projekt richtet sich dabei an unsere Klient*innen, die aktuell wohnungslos sind und deshalb im Betreuten Wohnen leben. Das heißt, sie leben in sogenannten Trägerwohnungen. Also Wohnraum, den die Neue Chance zur Verfügung stellt, bis sie wieder ein eigenes Zuhause gefunden haben. Zurzeit wollen 25 unserer Klient*innen mitmachen. Ich gehe aber sehr davon aus, dass es mit der Zeit mehr werden und wir das Projekt langfristig fortführen werden.

Und was ist deine Rolle dabei?

Kevin: Zunächst möchte ich dabei helfen, dass die Teilnehmenden des Projekts Verträge abschliessen können, die zu ihren Bedürfnissen passen und gleichzeitig kostengünstig sind. Das kann ein Handyvertrag mit mobilem Datenvolumen sein, aber auch ein Internetanschluss für einen Computer. Hierfür habe ich zum Beispiel eine Anleitung erstellt, die den Teilnehmenden ein wenig Orientierung im Tarife-Dschungel geben soll.

Warum braucht es ein solches Projekt deiner Meinung nach?

Kevin: Dass die Menschen aufgrund der Kontaktbeschränkungen nur noch schwer soziale Kontakte pflegen und sich umfassend über die Situation informieren können, ist sicherlich der drückendste Schuh. Das war auch der Auslöser für das Projekt. Alleine zuhause, nicht raus dürfen und nur eingeschränkt kommunizieren können macht einsam und verstärkt häufig die sozialen Probleme, die unsere Klient*innen aufgrund ihrer schwierigen Lebenssituation mitbringen.
Aber das Problem, dass nicht alle Menschen einen Zugang zu digitaler Technik und dem Internet haben, geht weit über Corona hinaus. Hier wird es nur besonders offensichtlich. Persönlich sehe ich digitale Informationstechnik als größte Hürde und größte Chance im aktuellen Jahrzehnt. Die Onlinewelt berührt inzwischen nahezu alle Lebensbereiche, insbesondere die Arbeitswelt. Und Jahr für Jahr wird sie auch einfach mehr zur Grundlage der Gesellschaft. Bist du nicht digital dabei, bist du womöglich bald gar nicht mehr dabei, egal ob im Beruflichen oder Privaten. Dabei bietet das Internet zum Beispiel wahnsinnig viele Möglichkeiten, sich Wissen anzueignen oder sich fortzubilden und sich mit anderen Menschen auszutauschen – oftmals sogar kostenlos.

Brauchen wir deshalb ein Internet für Alle?

Kevin: Wenn wir soziale Ungleichheit bekämpfen wollen, unbedingt. Der Zugang zu Bildung und sozialer Teilhabe ist für benachteiligte Menschen schon im „realen Raum“ erschwert. Wenn dann auch noch der Zugang zum Internet fehlt, wird die Schere immer größer. Die Menschen werden digital abgehängt, dadurch benachteiligt und letztlich gesellschaftlich immer mehr ausgeschlossen.

Kann man das Projekt irgendwie unterstützen?

Kevin: Um das Projekt umzusetzen benötigen die Teilnehmenden eigentlich nur drei Dinge: ein internettaugliches Gerät, einen Zugang zum Internet und Zeit um zu lernen, das Internet für die eigenen Zwecke zu nutzen. Hierbei unterstützen unsere Sozialarbeiter*innen. Die Zeit nehmen sie sich gerne, der Rest wäre uns eine große Hilfe. Unsere Teilnehmenden verfügen kaum über finanzielle Mittel. Um die notwendigen Geräte zur Verfügung stellen zu können, sammeln wir aktuell Spenden über eine betterplace-Kampagne . Wir nehmen darüber hinaus auch funktionsfähige Geräte an. Oft ist es ja so: man hat einen Computer oder ein Handy, das noch funktioniert, aber den eigenen Bedürfnissen nicht mehr entspricht. Man sortiert es aus und kauft sich ein neues Gerät. Statt das Alte in der Schublade verstauben zu lassen, kann man damit ja auch einfach wohnungslosen Menschen den Zugang zum Internet ermöglichen. Wir freuen uns auf jeden Fall, wenn die*der ein*e ein gebrauchtes Gerät spenden möchte.

Vielen Dank für das Gespräch und viel Erfolg für das Projekt!

 

Lust, das Projekt Digitales Zuhause zu unterstützen?
Hier geht’s zur Spendenaktion auf betterplace.org
Wer ein Gerät spenden möchte, kann einfach eine E-Mail an kommunikation@sozial.berlin schreiben.