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sozial.trialog – „Vom normalen Mieter zum Aktivisten“

Daniel Dieckmann, Valentina Hauser und Sebstaian Böwe stehen vor dem Hausprojekt Habersaathstraße

Valentina Hauser, Daniel Diekmann und Sebastian Böwe engagieren sich auf unterschiedlichen Wegen für bezahlbaren Wohnraum und kämpfen gegen Obdachlosigkeit. Ein Gespräch über das Hausprojekt Habersaathstraße, Leerstand, Hausbesetzungen und die Möglichkeiten, obdachlose Menschen über freiwillige Beratungsangebote zu erreichen. Moderiert von Volker Engels, freier Journalist.

Das Format sozial.trialog will unterschiedliche Blickpunkte von Menschen aus dem Berliner Hilfesystem zeigen – von denen, die darin arbeiten, die es nutzen, die es mitgestalten. sozial.trialog sucht in offenen Gesprächen den Austausch, den Perspektivwechsel und den Einblick in verschiedene Lebensrealitäten.

Valentina Hauser, im Dezember des letzten Jahres haben Sie mit der Initiative Lehrstand habe ich saath die fast vollständig leer stehenden Häuser in der Habersaathstraße 40-48 in Mitte besetzt. Noch vor Jahresende konnten die ersten Menschen in leer stehende Wohnungen einziehen. Was treibt Sie an, sich hier zu engagieren?

Valentina Hauser*: Ich verstehe mich seit 48 Jahren als politische Basisaktivistin, weil ich in einer gerechteren Welt leben möchte. Anfang der 80er-Jahre habe ich in Kreuzberg Häuser besetzt. Es ist für mich sehr naheliegend, mit den Menschen vor Ort etwas zu organisieren, um etwas zu verändern. Ich finde es unerträglich, dass hier bestehender und preiswerter Wohnraum vernichtet wird und sich Spekulanten die Tasche vollmachen, während in Berlin Tausende auf der Straße leben müssen. Es ist ein Skandal, dass hier 85 Wohnungen leer standen.

Die Wohnungen hier sind ja geradezu prädestiniert für diese Menschen, Sie haben jetzt ihre eigenen vier Wände in einer Größe, die genau für sie passt. Die Wohnungen sind vom Schnitt alle gleich, die meisten sind zwischen 30 und 40 Quadratmeter groß.

Daniel Diekmann, Sie kennen die Häuser schon sehr lange…

Daniel Diekmann: Ich wohne hier seit fast 20 Jahren. Als der Senat die Häuser 2006 an einen Privatinvestor für etwas mehr als 2 Millionen Euro verkauft hat, haben wir sofort die Interessengemeinschaft Habersaathstraße (IG HAB) und den Hausverein NeueHeimatMitte gegründet. Mir schwante damals schon Schlimmes, die Befürchtungen haben sich mehr als bestätigt. Der Nutznießer der Privatisierung hat die Liegenschaft dann 10 Jahre später für 20 Millionen verkauft. Jetzt sollen Luxus-Apartments gebaut werden, deren Miete wir mit über 300 Prozent Preissteigerung gar nicht mehr bezahlen können. Unsere Wohnungen, unser sicherer Platz, unser zu Hause ist verkommen zum Spekulationsobjekt.
Aktuell leben in den Wohnungen 12 bis 15 Langzeitmieter*innen, die hier schon zwischen 15 und 38 Jahren wohnen. Wir haben unbefristete Charité-Mietverträge, das ist eine besonders geschützte Form von Mietverträgen. Man hat mehrfach versucht, die Mietverträge dieser Langzeitmieter „anzugreifen“, das ist aber zum Glück nicht gelungen. So bin ich über die Jahre notgedrungen vom normalen Mieter zum Aktivisten geworden, der um preiswerten Wohnraum kämpft. Mal abgesehen davon ist ein Abriss von völlig intakten Häusern, die energetisch saniert sind, umwelttechnisch und in Bezug auf den Klimawandel eine Katastrophe.

Was hat sich in den letzten Jahren geändert?

Daniel Diekmann: Früher wohnten hier viele Vertragsärzte und Ärztinnen aus anderen Ländern oder Pflegepersonal, das an der Charité oder im Bundeswehrkrankenhaus gearbeitet hat. Nach der Privatisierung der Häuser wurden freigewordene Wohnungen durchsaniert, mit Einbauküchen und Möbeln ausgestattet und als Hotelwohnungen teurer vermietet. Dieser Praxis hat ab 2014 das Zweckentfremdungs-Verbots-Gesetz einen Strich durch die Rechnung gemacht. Wohnungen, die mehr als drei Monate leer stehen, gelten als Zweckentfremdung und sind damit illegal. Wohnraum ist schließlich zum Wohnen da und nicht zum Spekulieren. Und ein Hotel ist nun mal ein Gewerbebetrieb. Die Hotelmieter haben verglichen mit unserer Miete rund das Dreifache gezahlt. Ich bezahle für 40 Quadratmeter rund 300 Euro Warmmiete.

Sebastian Böwe, Häuser zu besetzen passt ja nicht wirklich zu Ihrem Jobprofil. Sie suchen und finden sogar Wohnungen für das Projekt Housing First Berlin, das obdachlose Menschen mit Wohnungen und eigenem Mietvertrag versorgt. Warum sind Sie erfolgreicher als die Mehrheit der Wohnungssuchenden?

Sebastian Böwe: Man muss tief graben. Die Gesetze der Physik gelten auch auf dem Wohnungsmarkt: Wo ein Körper ist, kann nicht gleichzeitig ein zweiter sein. Es können nicht alle in Friedrichshain-Kreuzberg oder in Schöneberg wohnen. Es gibt auch außerhalb des Zentrums Quartiere, in denen man gut leben kann. Wir finden aber in der ganzen Stadt Wohnungen. Wichtig ist es, sich gut zu vernetzen. Ich mache das seit 20 Jahren und kenne inzwischen eine Menge Leute in der Stadt. Für die obdachlosen Menschen, die wir betreuen, finden wir in der Regel innerhalb von vier bis acht Wochen eine Wohnung.

Wie sind Sie zum Thema Obdachlosigkeit gekommen?

Sebastian Böwe: Ich habe einen persönlichen Bezug. Ich war selbst obdachlos in der DDR in den 1980er-Jahren. Eine soziale Wohnhilfe oder Wärmestuben gab es in dieser Zeit nicht. Damals hat meine Mutter gesagt: „Junge rück den Wohnungsschlüssel raus und auf Wiedersehen“. Damals habe ich „Couchsurfing“ gemacht oder in der S-Bahn übernachtet. Ich wohnte dann auch in diversen besetzten Wohnungen.
Die Menschen, um die sich Housing First Berlin kümmert, sind durch sämtliche Maschen des sozialen Netzes gefallen. Die waren teilweise drei Mal im betreuten Einzelwohnen, kennen zahlreiche Pensionen oder Heime von innen. Sie sind immer wieder rausgeflogen, immer wieder gescheitert. Irgendwann reichts denen und sie entscheiden sich notgedrungen auf der Straße zu leben. Kürzlich habe ich einen Obdachlosen mit einer Wohnung versorgt, der zuvor in seinem Schlafsack auf der Parkbank im Regen geschlafen hat. Das schnürt selbst mir die Kehle zu.
Die Zauberworte heißen: Betreuung, Begleitung und Beratung – und das so lange sie gewünscht und benötigt wird. Wir sagen den Menschen, die über Housing First Berlin eine Wohnung bekommen haben, dass sie sich bei Bedarf immer an uns wenden können, wir für sie da sind. Wenn nötig auch lebenslang. Selbst wenn jemand seine Wohnung verliert, die er oder sie über uns bekommen hat, bleiben wir am Ball und suchen eine neue Wohnung.

Für Vermieter*innen sind doch wahrscheinlich Menschen, die lange auf der Straße gelebt haben oder aus dem Knast kommen, nicht unbedingt die erste Wahl…

Sebastian Böwe: Unsere Arbeit spricht sich rum: Wir kooperieren mittlerweile mit drei großen städtischen Wohnungsbaugesellschaften und haben auch zu anderen Vermieter*innen oder Wohnungsbaugenossenschaften sehr gute Kontakte. Einige private Vermieter*innen, die eine soziale Ader haben, versorgen uns regelmäßig mit Wohnungen. Es ist aber nicht damit getan, einem/r „klassischen“ Obdachlosen, der oder die seit Jahren durch alle Maschen gefallen ist, einfach einen Wohnungsschlüssel zu geben. Ich habe es mehrmals erlebt, dass diese Menschen krachend scheitern, wenn man ihnen keine Hilfe an die Hand gibt. Sie wissen nicht, wo sie Geld für die Miete bekommen, wie und wo man Anträge stellt. Die Menschen, um die wir uns bei Housing First Berlin kümmern, sind oft psychisch krank und / oder haben ein Suchtproblem. Wenn die in einer eigenen Wohnung sitzen, merken viele schnell, dass die Wohnungslosigkeit nicht ihr einziges Problem war.

Valentina Hauser: Die meisten hier Wohnenden sind schwer traumatisiert. Deshalb war uns auch schon früh klar, dass wir einen sozialen Träger brauchen, der die Bewohner*innen bei Bedarf unterstützt. Wir haben uns bewusst für die Neue Chance entschieden, die unter anderem auch Housing First Berlin umsetzt, weil uns das Konzept der Freiwilligkeit überzeugt hat. Klar gibt es hier auch Gewalt- oder Drogenprobleme. Die Menschen bringen ihr Leben und ihre Erfahrungen mit. Auf der „Platte“ funktioniert das Leben einfach anders. Soziales Verhalten innerhalb eines Hauses muss auch (wieder) gelernt werden. Das braucht Zeit. Auch darum kämpfen wir gegen den Abriss.

Daniel Diekmann, was hat sich für Sie und die anderen langjährigen Mieter geändert, nachdem ehemals Wohnungslose in die Häuser eingezogen sind?

Daniel Diekmann: Viele Menschen kommen mit multiplen Problemen, bringen 10 oder 15 Jahre übelste Erfahrungen von der Straße mit und haben in dieser Zeit auch soziale oder emotionale Kompetenzen verloren. Manche sind nicht in der Lage, angemessen sozial zu interagieren. Aber ich muss und will ja mit meinen neuen Nachbarn auf dem Treppenabsatz klarkommen. In der Regel gehen die Leute hier relativ umgänglich miteinander um.

Es gibt natürlich hier auch Menschen, die einfach Hilfe brauchen. Darum bin ich froh, dass hier mit der Beratungsstelle der Neuen Chance ein sozialer Träger direkt im Haus ist. Die Sichtbarkeit der Langzeitmieter hier im Haus hat in den letzten Monaten abgenommen, weil sich alles auf die neuen Bewohner und Bewohnerinnen fokussiert hat. Natürlich muss ich als Mieterbeirat auch dafür sorgen, dass die Rechte der Langzeitmieter*innen gewahrt werden.

Es gibt also auch Konflikte?

Daniel Diekmann: Das ist doch völlig klar. Viele Dinge müssen sich einspielen, das dauert eine Weile. Und dann gehen die Konflikte oft erst richtig los. Jemanden in eine Wohnung zu packen und dann zu sagen, „Sieh zu, wie Du klarkommst“, ist ja keine Lösung. Einer der neuen Bewohner war lange auf der „Platte“ mit anderen zusammen, jetzt ist er allein in der Wohnung und leidet unter Angstzuständen. Es kommt auch mal vor, dass er nachts schreit. Dann stehe ich um halb eins oder halb vier vor seiner Tür und versuche ihn zu beruhigen. Die meisten sind aber sehr reflektiert, höflich und einsichtig.
Wenn jemand aber dauernd am Rad dreht, müssen wir durchgreifen. Niemand wird gezwungen, hier im Haus zu wohnen. Man darf auch die Langzeitmieter*innen nicht vergessen, die seit 15 Jahren oder länger hier leben. Früher, in einem fast entmieteten Haus, gab´s natürlich weniger Probleme mit knallenden Türen lauten Partys oder Müll im Hausflur. Aber diese Konflikte gibt es in jedem anderen Mietshaus auch.

Sie sind also vom Mieter zu einer Art Mediator geworden?

Daniel Diekmann: Ich komme aus einer 17-köpfigen westfälischen Großfamilie. Wir hatten einen kleinen Hotelbetrieb und eine Landwirtschaft. Vieles von dem, was ich damals erfahren und gelernt habe, kommt mir auch heute noch zu Gute. Ich bin mit 19 in die Gewerkschaft eingetreten, war mit 20 Jahren Betriebsratsvorsitzender – das prägt. Daher kommt auch mein Motto, dass man das Unmögliche fordern muss, um das Mögliche zu erreichen.

Ich bin als Mieterrat natürlich auch mal Seelsorger für Mieter*innen, die Probleme oder Streit haben. Aber das kenne ich aus meiner Großfamilie.

Es gibt hier im Haus ein Büro der Neuen Chance? Wie wird das Angebot genutzt?

Valentina Hauser: Anfangs war die Resonanz gering. Inzwischen vereinbaren die neuen Bewohner*innen aber Termine und fragen die Unterstützung der Sozialarbeit aktiv nach.

Sebastian Böwe: Die Angebote der Kolleg*innen vom Hausprojekt Habersaathstraße sind absolut freiwillig, die Achtung von Autonomie und Wahlfreiheit der Bewohnenden der Habersaathstraße ist, wie auch bei Housing First Berlin, zentral. Wir haben es bei Housing First Berlin zum Beispiel auch schon erlebt, dass jemand den Mietvertrag unterschrieben hat und dann gesagt hat: „Schönen Dank, das wars. Weitere Unterstützung brauche ich nicht.“ Eine Woche später kam ein Brief vom Jobcenter, der Strom war abgestellt und der Fernseher lief nicht mehr. Dann ist er zu uns gekommen. Es geht also auch darum, langfristig Vertrauen aufzubauen.
Das Beratungsangebot der Neuen Chance in der Habersaathstraße läuft aber nicht unter Housing First Berlin. Kann es auch gar nicht, weil die Wohnsituation wegen der fehlenden Mietverträge eben leider nicht gesichert ist.

Daniel Diekmann: Ein sozialer Träger im Haus mit einem Beratungsangebot ist tagsüber und in der Woche auch für uns eine große Entlastung, nachts und am Wochenende sind wir aber weiter auf uns allein gestellt.

Valentina Hauser: Wir mussten in der Vergangenheit auf den Hausplena mehrere Hausverbote aussprechen, weil es zu Gewalt, zu rassistischen oder sexistischen Vorfällen gekommen ist. Da sind die Mitarbeitenden der Neuen Chance dann auch mitgekommen und haben den Prozess begleitet.

Gibt es ein Forum, in dem sich die Bewohner*innen gemeinsam austauschen?

Valentina Hauser: Es gibt einmal in der Woche ein Hausplenum, in dem wir als Aktivist*innen, die neuen Bewohner*innen und die Langzeitmieter*innen zusammenkommen. Dort diskutieren wir interne organisatorische Fragen, aber auch den Kampf nach außen, also den Erhalt des Hauses. Mittlerweile kommen einige der neuen Bewohner*innen bei politischen Aktivitäten mit. Sie politisieren sich und engagieren sich für andere. Allen ist klar, dass wir politisch darum kämpfen müssen, dass in der Habersaathstraße langfristiger und menschenwürdiger Wohnraum für obdach- und wohnungslose Menschen entstehen muss.

Daniel Diekmann: Ich erlebe viele der neuen Bewohner*innen auch als sehr politisch. Sie haben einen klaren Kompass dafür, was ungerecht ist und verändert werden muss. Wer die Obdachlosigkeit beseitigen will, muss günstigen Wohnraum schaffen und erhalten. Auch deshalb ist es absurd, total intakte Wohngebäude wie die Habersaathstraße abzureißen, um dann Luxusappartements zu bauen. Es gibt kein Recht auf Leerstand und Rendite, aber es gibt ein Recht auf Wohnraum.

*Name geändert

 


Aktueller Stand im August 2022: Derzeit wird nach Lösungen gesucht, wie für die obdachlosen Menschen ein möglichst langer Verbleib in der Habersaathstraße gesichert werden kann. Auch für die längerfristige Finanzierung der Beratungsarbeit werden verschiedene Möglichkeiten geprüft. Die Neue Chance steht hinter dem Projekt und bemüht sich um konstruktive Gespräche mit allen Beteiligten. Mehr Infos zum Angebot der Neuen Chance im Haus gibt es hier: https://neuechanceberlin.de/de/standorte/hausprojekt-habersaathstrasse.ht


 

Valentina Hauser (Name geändert) versteht sich als politische Basisaktivistin, die sich unter anderem in den Themenbereichen Stadtpolitik und Klimagerechtigkeit engagiert. Schon in den 1980er-Jahren hat sie in Kreuzberg Häuser besetzt.
https://strassegegenleerstand.de/

Daniel Diekmann wohnt seit fast 20 Jahren in der Habersaathstraße, der ehemaligen Charité Papageienplatte. In den fünf Häusern gibt es 120 Wohnungen. Er ist Vorstand des Mieterbeirats der Liegenschaft, sowie Sprecher der Interessengemeinschaft Habersaathstraße (IG HAB) und der Mieter*innen-Initiative NeueHeimatMitte.
https://mobile.twitter.com/HeimatNeue

Sebastian Böwe ist seit mehr als 20 Jahren in der Wohnungsnotfallhilfe tätig. Als Mitarbeiter der Neue Chance im Projekt Housing First Berlin sucht (und findet) er Wohnungen für obdachlose Menschen, die dort mit einem eigenen Mietvertrag einziehen können. Er sagt: „Obdachlosigkeit ist kein Naturphänomen. Wenn soziale Träger, Politik, Immobilienwirtschaft und die Verwaltung an einem Strang ziehen, dann lässt sich Obdachlosigkeit dauerhaft beseitigen.“
https://housingfirstberlin.de/

© Foto: Volker Engels